HumanE KI-Netz: Wie europäische Forschende gemeinsam neue KI kreieren

„Wir wollen die Forschung für Künstliche Intelligenz stärker an menschlichen Bedürfnissen ausrichten“, sagt Prof. Paul Lukowicz vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz über das neue europäische Netzwerk HumanE KI-Netz. 

 Künstlerische Darstellung eines in einer Hand liegenden Smartphones aus dem eine Gehirn-förmige Grafik entspringt.

Prof. Lukowicz, im HumanE Ki-Netz sind 53 exzellente europäische Wissenschaftsstandorte, Universitäten und Konzerne verbunden. Was ist ihr gemeinsames Ziel?

Prof. Lukowicz: Bisher ging es bei der KI-Forschung meist darum, Computer zu bauen, die dasselbe können, was der Mensch kann. Die Frage lautete: Wie kann ich das, was der Mensch macht, durch Künstliche Intelligenz ersetzen? Im Netzwerk wollen wir die Forschung neu ausrichten. Wir fragen jetzt: Wie können Computersysteme optimal die menschlichen Fähigkeiten ergänzen? Uns geht es nicht darum, KI zu bauen, die den Job von Menschen übernehmen kann, sondern eine KI, die dem Menschen hilft, einen besseren Job zu erledigen. Oder auch eine KI, die Jobs erledigt, die der Mensch gar nicht machen kann. Das ist die wissenschaftliche Seite. Auf der politischen Ebene geht es uns darum, die verschiedenen, über Europa verstreuten Kompetenzen so zu bündeln, dass sich daraus eine neue europäische KI entwickelt, die auch wirtschaftlich weltweit wettbewerbsfähig wird.

Portrait-Aufnahme von Prof. Dr. Paul Lukowicz, Leiter des Forschungsbereichs Eingebettete Intelligenz am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI).

Prof. Dr. Paul Lukowicz ist Leiter des Forschungsbereichs Eingebettete Intelligenz am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Das DFKI ist Partner im HumanE KI-Netz. 

DFKI

Wie läuft die Netzwerkarbeit praktisch ab?

Wir arbeiten nach dem Konzept der Mikroprojekte. Dazu finden sich jeweils drei bis vier Partner des Netzwerks kurzzeitig für ein konkretes Ziel zusammen, z.B. um gemeinsam ein Werkzeug zu entwickeln, eine Veröffentlichung zu schreiben oder einen Datensatz aufzunehmen.

Um mit der erreichten Arbeit eine möglichst große Außenwirkung zu erzielen, arbeiten wir mit der europäischen Plattform AI4EU zusammen.

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Unsere Arbeitsergebnisse werden über die Plattform der Gemeinschaft zur Verfügung gestellt. Alle, die in Europa und darüber hinaus an KI-Forschung beteiligt sind, können so an den Ergebnissen teilhaben. Auf diese Weise können auch die kleineren Player, Unternehmen ebenso wie Universitäten oder Forschungseinrichtungen, von unserer Arbeit profitieren.

Wie sorgen Sie dafür, dass alle Netzwerkpartner sich auf gleiche Weise einbringen können?

Wir haben ein ganzes Maßnahmenpaket aus Schulungen, Organisationsveranstaltungen und Online-Kursen entwickelt, um Partizipation zu gewährleisten.

Für das Projekt wurde die Definition für KI sehr weit gefasst, Sozial- und Kognitionswissenschaften sind ebenfalls involviert. Warum ist das so bedeutsam?

Der Schlüssel ist, etwas Neues entwickeln zu können. Eine KI zu bauen, die mit den Menschen zusammenarbeitet, die auch von Menschen profitiert und lernt. Dafür muss diese Künstliche Intelligenz über ein gewisses Verständnis vom Menschen verfügen und von dem Gefüge, in dem der Mensch sich bewegt und in dem die KI ihn unterstützen soll. Deshalb ist das Wissen der Sozial- und Kognitionswissenschaften sehr wichtig für unser Vorhaben.

Außerdem muss die KI natürlich europäischen Werten sowie den sozialen und ethischen Normen entsprechen. Nicht zuletzt muss sie konform mit der europäischen Gesetzgebung sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass es kaum eine andere Technologie gibt, die so stark alle unsere Lebensbereiche durchdringt. KI – das sind selbstfahrende Autos und virtuelle Assistenzsysteme für zu Hause ebenso wie die Informationsaufbereitung im Internet. Deshalb ist es sehr wichtig, die Auswirkungen des Einsatzes von KI in diesen speziellen Bereichen auch von gesellschaftswissenschaftlicher Seite zu beleuchten. Man kann sagen: KI und Gesellschaftswissenschaften bedingen sich gegenseitig.

Welche individuellen und gesellschaftlichen Vorteile für die Menschen erhoffen Sie sich von der Nutzung Künstlicher Intelligenz?

Ich glaube, dass KI unser Leben wie kaum eine andere Technologie revolutionieren wird.

Inwiefern?

KI wird uns zum einen erlauben, die immer knapper werdenden Ressourcen effizienter zu nutzen. Zum anderen wird sie uns dabei unterstützen, europäisch zu agieren.

Können Sie das erläutern?

Im Meer installierte Windräder.

Beim Thema Ressourcen und Nachhaltigkeit spielt die Frage der optimalen Verteilung von Energie eine große Rolle. Windstrom oder Solarenergie werden etwa nicht immer dann produziert, wenn die Energie benötigt wird. KI kann unseren Verbrauch steuern. Mit einem Hinweis, wann die beste Zeit ist, die Waschmaschine anzustellen oder das Auto zu laden. Beim komplexen Thema Elektromobilität wird die Organisation der Ladezeiten künftig eine große Rolle spielen: Stellen Sie sich vor, alle fahren gleichzeitig mit ihrem E-Auto in die Sommerferien oder zum Weihnachtsbesuch. Ohne eine sinnvolle Steuerung werden lange Schlangen vor den Ladesäulen zum Problem. KI kann die Autos so den Ladestationen zuweisen, dass keine extremen Wartezeiten entstehen.

Und der europäische Gedanke?

Da ist die Pandemie ein gutes Beispiel: Heute wissen wir, dass sich halb Europa in Ischgl mit dem Corona-Virus angesteckt hat. Das heißt aber auch, dass in Arztpraxen in ganz Europa schon zu einem frühen Zeitpunkt Informationsstückchen zu finden waren, die auf eine Epidemie hindeuteten, die aber kein Mensch zusammensetzen konnte. KI hingegen wäre dazu in der Lage. Eine Studie aus Kanada hat einen ähnlichen Gedanken verfolgt: Dort wurden Pressemitteilungen und Blogs aus China ausgewertet, die in der Masse darauf hingewiesen haben, dass gewisse Erkrankungen ungewöhnlich oft auftreten. Und das zu einem Zeitpunkt, als die öffentlichen Stellen noch nichts in dieser Richtung haben verlauten lassen. Menschen konnten die Puzzleteile unmöglich zusammensetzen, sinnvoll eingesetzte KI könnte so etwas in Zukunft leisten und damit ein Frühwarnsystem für Pandemien ermöglichen.

Was ist die zentrale Herausforderung bei der aktuellen KI-Forschung?

Die Zusammenführung der unterschiedlichen Forschungsdisziplinen ist sehr bedeutsam und nicht ganz einfach. Da ist die Kern-KI auf der einen Seite und die Sozial- und Kognitionswissenschaften auf der anderen Seite. Die Zusammenarbeit verlangt von allen Beteiligten Kooperationsbereitschaft und Flexibilität.

Innerhalb der KI gibt es aber auch Dinge, die wir erst noch meistern müssen, nämlich das Bauen von KI-Systemen, die in offenen Umgebungen funktionieren.

Was ist damit gemeint?

Wenn eine KI die einzige Aufgabe hat, eine Maschine zu steuern, dann muss sie sich nur um das kümmern, was in der Maschine passiert. Und das funktioniert inzwischen meist ganz fantastisch. Etwas ganz anderes ist es aber, wenn KI in einer realen Umgebung angewendet wird. Der Umgang mit sogenannten offenen Umgebungen ist unsere größte Herausforderung. Denn Menschen agieren nicht immer wie vorausgedacht, auch die Umwelt ist nicht bis ins letzte Detail planbar. Von der KI wird aber trotzdem eine angemessene und hilfreiche Reaktion verlangt. Das ist ein Bereich, in dem die KI-Forschung noch viel dazulernen muss. Und daran arbeiten wir europaweit gemeinsam.

Netzwerk für KI-Forschung in Europa

Das HumanE KI-Netz ist im September 2020 gestartet. Es gab bereits einen Vorläufer, das HumanE KI, in dem ein Jahr lang rund 45 universitäre und forschende Einrichtungen aus Europa kooperierten. Zum jetzigen Netzwerk gehören auch Industrieunternehmen, wie beispielsweise Airbus. Das heutige HumanE KI-Netz hat 53 Mitglieder. Sie eint das Ziel, mit europäischen Mitteln eine neue Generation von KI zu entwickeln, die unter anderem der europäischen Industrie dazu verhilft, langfristig wettbewerbsfähig zu sein. Das Projekt hat eine Laufzeit von drei Jahren, bis August 2023. Weiterführende Informationen gibt es auf der Website des DFKI.

Weiterführende Informationen zum Thema KI