Hoffnung für Europas Wälder

Bäume und Wälder filtern unsere Atemluft, kühlen die Städte und sorgen für Erholung. Doch sie leiden unter klimatischen und wirtschaftlichen Belastungen. Das Projekt „GreenFutureForest“ zeigt einen Weg hin zu nachhaltigen Waldlandschaften in Europa.

Dichte Baumbewaldung

Dichte Baumbewaldung

Prof. Hans Pretzsch

Die Waldzustandsberichte der deutschen Bundesländer lesen sich dramatisch. In Baden-Württemberg etwa ist von einem „noch nie dagewesenen Schadniveau“ die Rede. 46 Prozent der Bäume weisen Schäden auf. Nur 13 Prozent der Eichen gelten als gesund, die sogenannte „Kronenverlichtung“ bei der Fichte, der häufigsten Baumart im Südwesten, ist bei 24 Prozent der Bäume festgestellt worden. Der Waldumbau ist eine Jahrhundertaufgabe. Angesichts des Klimawandels und seiner Folgen (Hitze, Trockenheit, Stürme), herrscht im Wald Sanierungsbedarf. Denn nur klimastabile, nachhaltig bewirtschaftete Mischwälder erhalten die Schutzfunktionen der Wälder, zum Beispiel als Speicher für Grundwasser oder als Lungen für unseren Planeten.

Kein Patentrezept für den Waldumbau

Doch wie soll der Wald umgebaut werden? Im Sinne der Holzwirtschaft? Im Sinne der Gemeinschaft zur Erholung und zum Vergnügen? Im Sinne der Tiere, die in ihm leben? Es gibt keine Patentrezepte, die durchgängig von Kiel bis Konstanz anzuwenden sind. Geschweige denn mit Blick auf die Wälder Europas, die Forstgebiete in Schweden haben andere Bedürfnisse als die in Spanien. Denn Waldbewirtschaftung orientiert sich immer am Einzelstandort, nimmt Partikularinteressen wahr. Ein gemeinsamer Masterplan fehlt bisher.

Grafische Abbildung Bäume

Wie sich der Baumbestand im Laufe der Jahre entwickeln könnte, wird mit SILVA simuliert.

TU München

Simulation von Waldwachstum in jeder Hinsicht

Porträt Prof. Hans Pretzsch, Experte für Waldwachstumskunde

Prof. Hans Pretzsch hat bereits vor Jahren das Waldmanagement-Tool entwickelt. SILVA ahmt wirklichkeitsgetreu nach, welche Baumsorte wie wachsen kann – und welche Folgen das für den Lebensraum Wald hat.

TU München

Abhilfe schafft das europäische Verbundprojekt „GreenFutureForest“. Es erarbeitet im Europäischen Forschungsraum (EFR) alternative Spielräume für die utzung von Waldlandschaften. Neben dem internationalen Know-how kommt dem Projekt GreenFutureForest die jahrzehntelange Erfahrung des deutschen Partners von der Technischen Universität München zugute. Dort hat Professor Hans Pretzsch schon vor Jahrzehnten einen „Waldwachstumssimulator“ geschaffen. Der Waldwachstumssimulator spielt durch, wie sich die Wälder je nach Bepflanzung mit unterschiedlichen Baumarten entwickeln. „SILVA kann den Waldbestand abstrahieren und jede mögliche Anzahl von relevanten Strukturen schätzen. Gleichzeitig ist es ein Managementmodell, es berücksichtigt auch unterschiedliche Bewirtschaftungs- und Waldpflegeverfahren“, schildert Hans Pretzsch.

Porträt des Forstwirtschaftlers Dr. Astor Toraño Caicoya

Der Forstwirtschaftler Dr. Astor Toraño Caicoya kennt sich nicht nur mit mediterranen Wäldern gut aus, inzwischen ist er auch vertraut mit der skandinavischen Herangehensweise an die Waldwirtschaft. 

privat

Hauptkoordinator des Projekts ist Professor Tord Snäll im schwedischen Uppsala, in Deutschland hält Dr. Astor Toraño Caicoya die Fäden zusammen. Pretzschs ausgezeichneter Ruf als Experte für Waldwachstumskunde hat den Forstwissenschaftler aus Spanien nach Freising gelockt. „Diese Tatsache erzählt eigentlich schon viel über die wissenschaftliche Zusammenarbeit in Europa“, sagt Prof. Hans Pretzsch. „Wie oft wird über die EU gemeckert. Aber ihr gelingt es, über Ländergrenzen hinweg die klügsten Köpfe zusammenzubringen. Wir haben mit Astor Toraño Caicoya einen Experten für mediterrane Wälder nach Deutschland holen können. Er forscht gemeinsam mit skandinavischen Kolleginnen und Kollegen, die sich mit dem borealen Wald, dem Nadelwald der Taiga, auskennen.“

 „Ob in Spanien, in Schweden oder im Alpenland – SILVA ist ein Einzelbaumsimulator, der wirklichkeitsgetreu nachahmt, welche Baumsorte wie wachsen kann – wie hoch, wie breit, wie tief. Er berücksichtigt baumartenspezifische Eigenschaften und konkurrenzbedingte Wechselwirkungen bei der Prognose des Zuwachses und der Strukturentwicklung“, erläutert Dr. Astor Toraño Caicoya. Auch Standort- und Klimaparameter fließen ein.

Dabei werden unendliche viele Details zum Klima und zum Standort berücksichtigt. Es geht nicht allein um wirtschaftliche Fragen wie den Holzertrag, sondern auch um den Erhalt von Ökosystemen, um die Lebensräume von Vögeln, Pilzen und Pflanzen.  Während der Wald im dicht besiedelten Deutschland schon immer viel als Erholungsort und Freizeitraum genutzt wurde, ist die Erhaltung des Waldes als Erholungsgebiet in Skandinavien erst seit kurzem zum Thema geworden.

Diverse Lebensräume im Wald erhalten

Morscher Baum im Wald

Auch eine vermodernde Fichte bietet spannende Informationen für die Forstwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler, die analysieren, wie Insekten, Vogelarten und Pilze einen Baum zersetzen.

TU München

Ziel von GreenFutureForest ist es, für die nächsten einhundert Jahre die mögliche Waldentwicklung unter den Voraussetzungen globaler sozio-ökonomischer und klimatischer Veränderungen in Europa vorauszusagen. „All unsere Szenarien zeigen, dass sich die Holznachfrage in den nächsten hundert Jahren deutlich erhöhen und die Diversität etwa von Pilzen und Vögel beeinflussen wird. Wie also wollen wir damit umgehen, wenn sich die Waldwirtschaft intensiviert? Können oder wollen wir die Lebensräume von Vögeln oder auch Kleinstlebewesen mitbedenken? Die Verbesserung der Multifunktionalität des Waldes, also die Strukturierung und Mischung unterschiedlicher Baumarten, ist eine mögliche Lösung“, erläutert Forstwirtschaftler Dr. Toraño Caicoya. Durch eine räumliche Trennung in der Landschaft, die sowohl intensive Waldwirtschaft, aber auch die multifunktionale Nutzung des Waldes – als Holzlieferant, als Bodenschützer, als Erholungsraum –vorsieht, können viele Vogel- und Pilzarten ihren Lebensraum erhalten Ausprobiert wird auch, wie sich eine zeitweise Flächenstilllegung auswirkt, etwa auf die Biodiversität.

Die Umwandlung zu stabileren Waldbeständen ist eine große Herausforderung für die Zukunft der europäischen Wälder, ebenso wie der Klimawandel. In der öffentlichen Diskussion ist oft davon die Rede, dass eine Erwärmung von zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 zu vermeiden sei. Pessimistische Szenarien gehen allerdings von einem Temperaturanstieg von drei bis vier Grad Celsius aus. Das hätte zur Folge, dass mehr Hitzetage, weniger Niederschlag und extreme Trockenheit heimische Bäume wie Buchen und Fichten überfordern.

Dr. Astor Toraño Caicoya bleibt dennoch zuversichtlich und weist darauf hin, dass Europas Wälder bereits nachhaltig genutzt werden. „Seit 2009 ist mit dem Helsinki-Prozess ein pan-europäischer, forstpolitischer Prozess auf den Weg gebracht worden. Wir liefern mit unserem Projekt das Datenmaterial als Fundament für Diskussionen. SILVA hilft dabei, die Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Systemleistungen zu verstehen. Das klingt abstrakt. Wir testen und untersuchen die „Tradeoffs“, also die wechselseitige Abhängigkeit zwischen Biodiversität und Holzproduktion, dabei können wir unterschiedliche Waldbewirtschaftungsszenarien durchspielen. In anderen Projekten haben wir auch andere Leistungen getestet, wie etwa Grundwasser, Wohlbefinden oder auch Gesundheit. Unsere Arbeit verbessert damit die Entscheidungsgrundlage für die Waldpolitik.“

Neben der Technischen Universität (TU) München sind die Schwedische Landwirtschafts-Universität (SLU), das norwegische „Institute for Nature Research“ in Oslo, die Universität Zürich und das Institut IIASA (International Institute oft Applied System Analysis) aus Wien beteiligt. Eine Gruppe von 15 Forscherinnen und Forscher arbeitet eng zusammen. „Wir sind eine kleine Community in der Forstwirtschaft, wir kennen uns alle persönlich und wissen genau, wer welche Stärken mit einbringt“, so Prof. Hans Pretzsch.