„Freiheit ist unerlässlich für die wissenschaftliche Forschung“

Der aktuelle „Academic Freedom Index“ zeigt, dass Deutschland in der Spitzengruppe liegt, aber zugleich fast 80 Prozent der Weltbevölkerung in Ländern leben, in denen die Wissenschaft eingeschränkt ist.

Flaggen verschiedener Staaten der Welt

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Erlangen-Nürnberg/Göteborg. Deutschland gehört zur Spitzenklasse, was den Schutz der Wissenschaftsfreiheit betrifft. Global betrachtet zeigt sich, dass nur etwa ein Fünftel der Weltbevölkerung in Ländern lebt, in denen die Wissenschaftsfreiheit umfassend geschützt ist. Fast 80 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern, die freie Wissenschaft einschränken, so das Ergebnis des aktuellen „Academic Freedom Index“ (AFi) für das Jahr 2020. Der Index wurde zum zweiten Mal erstellt von Forschenden der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU), des V-Dem-Institut der Universität Göteborg und des „Global Public Policy Institute“ (GPPi) gemeinsam mit dem „Scholars at Risk Network“.

Universitäten weltweit unter Beschuss

„Es gibt zahlreiche Selbstverpflichtungen von Staaten und Institutionen, die Wissenschaftsfreiheit zu achten und zu schützen, dennoch zeigt der Academic Freedom Index, dass die Universitäten in vielen Ländern der Welt unter Druck stehen“, sagt Prof. Dr. Katrin Kinzelbach vom Institut für Politische Wissenschaft der FAU. „Für die Erstellung des AFi haben Forschende aus aller Welt eine wichtige Voraussetzung für ihre eigene Arbeit bewertet: die zu wissenschaftlicher Forschung unerlässliche Freiheit“, so Prof. Dr. Staffan I. Lindberg, Direktor des V-Dem-Instituts an der Universität Göteborg. Der Wissenschaftsfreiheitsindex 2020 deckt 175 Länder und Territorien ab und liefert Daten für den Zeitraum 1900 bis 2020 zur Wissenschaftsfreiheit weltweit. Die systematische Erhebung stützt sich auf Einschätzungen von mehr als 2000 Länderexpertinnen und -experten sowie auf ein statistisches Modell, das vom V-Dem Institut in Göteborg für einen größeren Demokratiedatensatz entwickelt wurde.

Forschen in repressiver Umgebung

In Belarus, Hongkong, Sambia und Sri Lanka wurden die stärksten Verschlechterungen zwischen 2019 und 2020 beobachtet. „In den meisten Fällen, in denen die Wissenschaftsfreiheit im Vergleich zu 2019 signifikant gesunken ist, kann dies entweder auf neue Vorschriften zurückgeführt werden, die die Freiheit zu forschen, zu lehren und zu veröffentlichen einschränken, oder auf repressive politische Maßnahmen gegen prodemokratische Bewegungen mit einer starken Basis unter Studierenden sowie Dozentinnen und Dozenten“, erläutert Ilyas Saliba vom GPPi in Berlin.

Global betrachtet: Kaum Äußerungen zur Politik seitens der Wissenschaft

Ob zur Bewältigung der Coronapandemie, zu Klimafragen oder zum „Green Deal“ der EU – während in Europa die Stimmen aus der Wissenschaft in der Regel als willkommene Expertise gilt, ist dies global gesehen nicht überall der Fall. Dem AFi zufolge ist vor allem die Freiheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, sich zu politischen Fragen zu äußern, rückläufig. Der globale Durchschnittswert für diesen Indikator sinkt seit 2013 kontinuierlich. „Dies dürfte auch auf die zunehmende politische Polarisierung zurückzuführen sein, die in vielen Ländern zu beobachten ist“, sagt Janika Spannagel vom GPPi. Darüber hinaus zeigen die neuen Daten auch deutliche Verschlechterungen bei der Campus-Integrität in einzelnen Ländern. Dieser Indikator bewertet das Ausmaß, in dem Hochschulen frei von Überwachung oder Sicherheitsverletzungen sind. Allerdings gibt es auch positive Entwicklungen, wie in Gambia zum Beispiel. „Der AFi-Indikator mit der höchsten Punktzahl für Gambia ist die Freiheit des wissenschaftlichen Austauschs. Das ist eine sehr ermutigende Entwicklung“, sagt Janika Spannagel.

Im Europäischen Forschungsraum wird Wissenschaftsfreiheit gestärkt

Gemäß dem zentralen Prinzip im Europäischen Forschungsraum, Wissen allen Interessierten frei zugänglich zu machen, kann der Index von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern für weitere Studien genutzt werden. Im Europäischen Forschungsraum wie im Europäischen Hochschulraum setzt sich Deutschland gleichermaßen dafür ein, die Freiheit von Wissenschaft und Forschung weiter zu stärken. Dazu soll unter anderem ein Monitoring der Wissenschaftsfreiheit entwickelt werden. Die Daten aus der Wissenschaft bilden dazu einen sehr interessanten und aufschlussreichen Input.

Im Europäischen Forschungsraum wird besonders deutlich, dass weltweit alle Menschen davon profitieren, wenn Austausch und Zusammenarbeit sowohl in der EU als auch darüber hinaus weltweit gelingen. Das Bekenntnis zu einer freien und wertegeleiteten Forschung ist zentraler Gedanke der „Bonner Erklärung zur Forschungsfreiheit“, die unter deutscher EU-Ratspräsidentschaft im Oktober 2020 während der Ministerkonferenz zum Europäischen Forschungsraum verabschiedet wurde.

Weiterführende Links:
AFi-Datensatz